Der Weißdorn

Begrenzung mit unbegrenztem Nutzen

Vor der Erfindung des Stacheldrahtes gab es hier am Niederrhein eigentlich nur eine kostengünstige und sinnvolle Art, Viehweiden zu begrenzen – mit einer Dornstrauchhecke, denn die baute sich selbst. Am besten war dafür der Weißdorn geeignet. Er wird vom Vieh nur an den jungen Zweigspitzen befressen und bildet mit den Jahren undurchdringliche Dornenwände. Der Nutzen des Weißdorns ging über seine Funktion als Begrenzung jedoch weit hinaus. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich die Rosengewächse überall auf der Nordhalbkugel finden. Hier in Mitteleuropa sind es vor allem der ein- und der zweigriffige Weißdorn  - Sie können die Sträucher oder kleinen Bäume Anfang Mai gut an ihren auffälligen, weißen Blütendolden, und später im Hochsommer an Ihren zahllosen, kleinen, meist roten Apfelfrüchten erkennen. Diese mehligen Beeren werden im Spätherbst gerne von Amseln und besonders von Rotdrosseln und Wacholderdrosseln, die aus Skandinavien an den Niederrhein ziehen und hier den Winter verbringen, aufgesucht und gefressen.

Auch für den menschlichen Verzehr ist Weißdorn geeignet. In absoluten Notzeiten aß man die Beeren sogar als Mus. Heute findet man in Reformhäusern noch Weißdornsaft oder im Internet Rezepte für Gelee oder Sirup. Und auch als Heilpflanze war und ist der Weißdorn beliebt. Tees oder alkoholische Auszüge aus Blüten, Blättern und Früchten werden bei Herz-Kreislaufstörungen verwendet. Er war deshalb sogar Heilpflanze des Jahres 1990. Sein hartes Holz eignete sich gut für Werkzeugstiele, und selbst die Rinde war von Nutzen. Mit ihrem roten Farbstoff ließen sich Wolle und Leinen färben. Allerdings wollte so eine Hecke auch gepflegt werden. Die Gehölze mussten regelmäßig beschnitten und abstehende Zweige kunstvoll eingeflochten werden, was wegen ihrer vielen Stacheln ein mühseliges Unterfangen war, denn wird eine Hecke nicht gepflegt, verlichtet sie, und am Ende bleiben nur einzelne Gebüsche oder Baumreihen übrig.

Das ist einer der Gründe, weshalb die Weißdornhecken heute immer seltener werden. Vor allem aber fielen viele Hecken Flurbereinigungen zum Opfer oder wurden vom praktischen, aber dafür hässlichen und längst nicht so vielfältig nutzbaren Stacheldraht verdrängt. Heute sehen wir oft nur noch einzelne Weißdorne in der Landschaft. Das ist nicht nur für das Landschaftsbild bedauerlich, sondern vor allem ein ökologischer Verlust, denn so eine Weißdornhecke ist ein Eldorado für über 150 Tierarten. Buschbrütende Vogelarten wie Rotkehlchen oder Grasmücken finden hier wunderbar geschützte Nistplätze und im Winter genügend Nahrung, zahlreiche Insektenarten besuchen die Blüten im Frühjahr, und auch Amphibien und kleine Säugetiere finden hier Unterschlupf und Nahrung. Heute werden deshalb wieder die Pflege bestehender Gehölze und deren Neupflanzung gefördert, um diesen wertvollen Lebensraum hier am Niederrhein zu bewahren.  

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