Tabakanbau in Wissel

Der Schornstein muss rauchen


Die Gegend um Wissel ist sandig. Neben dem Ort finden sich sogar die einzigen Flussdünen Nordrhein-Westfalens. Sie sind als Naturschutzgebiet außerordentlich wertvoll für unterschiedlichste Tier- und Pflanzenarten, doch das ist eine sehr moderne Sichtweise. Für eine Gemeinde, die Ackerbau betreibt, ist sandiger Boden kein Vergnügen. Es wächst einfach kaum etwas. Vor etwa 200 Jahren kam aber mit Aussiedlern aus der Pfalz eine neue Pflanze mit, die unter den speziellen Bedingungen des Wisseler Bodens ziemlich gut gedieh. Das war der Beginn des Wisseler Tabakanbaus. Tabak braucht Wärme. Nun ist der Niederrhein nicht unbedingt berühmt für seine Sonnenstunden - vom Kaiserstuhl ist man doch etwas entfernt. Doch der Sandboden um Wissel ist relativ trocken und heizt sich in der Sonne schneller auf als die schwereren, fruchtbaren Auenböden. Tabak wurde eine bedeutende Erwerbsquelle für die Landwirte. Selbst wenn man nicht davon leben konnte, weil man zu wenig Anbaufläche hatte, ergab er doch ein nettes Zubrot. Es ist ein wenig wie Evolution - ein Standortnachteil kann mit dem richtigen Trick (hier der richtigen Pflanze) sogar ein Vorteil werden. In der Hochzeit im 19. Jahrhundert wurden 18 ha für die Tabakproduktion genutzt. Im Ort hatte man eine Tabakgenossenschaft gegründet, die den Absatz für die Erzeuger übernahm. In Spitzenzeiten produzierten über 100 Anbauer 50 Tonnen Roten Virginia. Er wurde an Tabakproduzenten nach Emmerich, in die Eifel und bis in die Pfalz verkauft. Der Wisseler Rico, wie das Kraut auch genannt wurde, war eher kein absolutes Spitzenprodukt, wurde aber von Napoleon geschätzt. In Paris wusste man vom Tabac veritablé de Wissel! Im 20. Jahrhundert machte zunehmende Konkurrenz dem Wisseler Tabak schließlich den Garaus. Heute wäre sein Anbau vielleicht sowieso nicht mehr politisch korrekt.


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